Vergebung

VERGEBUNG – ein Prozess

Im Zusammenhang mit Unrecht ist Vergebung immer wieder ein Thema. Vergebung wird empfohlen, und es werden Techniken gelehrt, auf welche Weise es gelingen kann, zu vergeben. Das ist sinnvoll, da Menschen miteinander leben müssen auf diesem Planeten.

Alternativen zur Vergebung sind Rache bis zur Blutrache allgemein, auch Verfluchen, Ignorieren usw. Innerlich nehmen Hassgefühle, Wut und Rachegelüste viel Raum ein. Das alles führt nicht weiter, darum ist es sinnvoll und wichtig, sich mit Vergebung zu beschäftigen. Vergebung kann man lernen.

Was ist eigentlich Vergebung? Vergebung ist ein Prozess, an dem 2 Seiten beteiligt sind: eine Seite fügt Unrecht zu, der anderen Seite wird Unrecht zugefügt.

OPTIMALER ABLAUF:

  1. ich tue jemandem Unrecht, ich schade jemandem. Zum Beispiel nehme ich etwas, was jemand anderem gehört; ich rede schlecht über jemand anderen; ich mache mich über jemand anderen lustig; ich lasse jemanden unbeachtet, der mein Beachtung gebraucht und verdient hätte; ich mache bei Mobbing mit. Da gibt es viele Möglichkeiten. Ich kann es bewußt inszenieren oder unbewußt Mitläufer sein. Jedes mal schadet es dem anderen. Der andere ist verletzt, geschädigt.

  1. ich werde darauf aufmerksam gemacht. Das kann der andere selbs sein, das kann ein dritter sein, das kann die Polizei oder der Richter sein.

  1. ich realisiere, dass ich Unrecht getan habe. Mag sein, ich realisiere, was mir vorher nicht klar war. Oder vielleicht war es mir klar und ich wollte es so. Entscheidend ist, dass ich mich nun dafür schäme. Es tut mir leid um den anderen und ich wünschte, ich könne es ungeschehen machen.

  1. ich sage es demjenigen, dem ich Unrecht getan habe. Ich ent-schuldige mich verbal und, wo möglich, mache ich es wieder gut: gebe zurück, was ich zu Unrecht an mich genommen habe, oder wiederrufe mein schlechtes Reden über denjenigen in meiner Umgebung, usw.

  1. mein Gegenüber nimmt meine Entschuldigung an, vergibt mir. Wir leben friedlich miteinander weiter. Damit gibt mir mein Gegenüber die Chance, dazu zu lernen.

  2. Ich habe dazu gelernt: ich nehme nichts mehr unrechtmäßig an mich, rede angemessen und nicht schlecht, schenke meinem Gegenüber Beachtung usw. 

So weit der optimale Ablauf; in dieser Weise ist es ein heilsamer Prozess für beide Seiten.

Die VERGEBUNGSBEREITSCHAFT auf Seite der Geschädigten

Die Vergebungsbereitschaft auf der Seite der Geschädigten ist die Voraussetzung für einen gesunden Vergebungsprozess. Sie ist etwas persönliches, eine innere Haltung. Diese spielt auf der geschädigten Seite die entscheidende Rolle. Denn Geschädigte haben die Wahl, Entschuldigungen abzuweisen oder anzunehmen.

Wie kommen Geschädigte dazu, die Haltung der Vergebungsbereitschaft zu entwickeln? Als erstes erleben sie einen SCHMERZ, körperlich oder seelisch, das bleibt sich im Erleben gleich. Am Anfang steht also der SCHMERZ. Dieser Schmerz sucht sich nun innerlich Bahn; oft entwickelt er sich schädlicherweise Richtung Neid, Eifersucht, Hassgefühl, Rachegelüste usw, also ungesund; auf diese Weise wird das Gefühlsleben vergiftet. Geben Geschädigte diesen negativen Tendenzen nach in Form tätlicher Rache, verfestigen sich innere Fronten. Daraus erwachsen dann Haß- und Gewaltbeziehungen, im größeren Stil dann Blutrache, Kriege usw. Damit ist nichts gewonnen, im Gegenteil.

Welche Möglichkeit haben nun Geschädigte? Sie können die innere Haltung der Vergebungsbereitschaft lernen. Vergebungsbereitschaft reinigt von dem inneren Gift des Hasses, Neides, Rachegelüste usw. als zusätzlichem Übel. Die Vergebungsbereitschaft der Geschädigten nützt ihnen selbst mehr als alle anderen Möglichkeiten wie Hassgefühle und Rachegelüste nähren, Wut und Rachepläne zu schmieden: Das belastet das Innere des Geschädigten, vergiftet die eigene Gefühlswelt, raubt Lebensfreude und -qualität.

Dennoch bleibt der ursprüngliche SCHMERZ.

Entschuldigt sich derjenige, der den Schaden angerichtet und den Schmerz zugefügt hat, ist die innere Vergebungsbereitschaft der Geschädigten die Voraussetzung dafür, dass sie die Entschuldigung annehmen können.

MISSBRAUCH der Vergebungsbereitschaft

Ein wenig beachteter Bereich, wo es um das Thema Vergebung geht, ist der Missbrauch der Vergebungsbereitschaft. Dieser kommt häufig vor in Täter-Opfer-Beziehungen.

Vergebung ist ausschließlich ein Thema im Zusammenhang mit Unrecht. Wo Menschen einander nicht Unrecht tun, ist Vergebung kein Thema. Wo Menschen einander Unrecht tun und Vergebung thematisiert wird, gibt es bei genauerem Hinschauen oftmals ein Ungleichgewicht. Nicht selten kommt es vor, dass sich chronsische Unrechtsbeziehungen entwickelt haben. Im schlimmsten Fall tut jeder dem anderen Unrecht. (Z.B.mafiöse Strukturen, Prostitution)

In einigermassen geordneten Verhältnissen dagegen entwickeln sich oft recht eindeutige Täter- und Opferrollen. Das heißt, meist tut eine bestimmte Person anderen Personen Unrecht, "chronisch", immer wieder. Das kann Gewalt oder Diebstahl oder Missachtung oder schlechtes Reden (Mobbing) sein. Geschädigte sind oft von dem Schädigenden abhängig, emotional oder materiell. Die normale unbewußte Spontanreaktion der Geschädigten auf den zugefügten SCHMERZ ist Verdrängen, Ignorieren. Eine Zeitlang ist das möglich, solange es keine zu große Dimension annimmt. Aber über längere Zeit oder bei einer Steigerung der Unrechtshandlungen durch den Täter und der damit verbundenen Steigerung des SCHMERZES auf Seite des Geschädigten funktioniert der Verdrängungsmechanismus nicht mehr; es wird zu einem traumatisierenden Geschehen.

Ein anständiges "Opfer", das darann nicht kaputt geht, spricht über das Geschehen.

Im Erlernen des verbalen Thematisierens erleben die „Opfer“ eine Linderung des inneren Schmerzes, umso mehr, wenn sie eine Haltung der Vergebungsbereitschaft entwickeln und sich von Hass und Rachegelüsten entgiften.

Oft aber fordert auch der Täter Vergebung ein, ohne sich echt zu entschuldigen (Schritt 4) und ohne dazu zu lernen (Schritt 6). Das anständige "Opfer" lässt sich darauf ein und achtet sorgsam auf sein Inneres, um weder Hass noch Rachegelüsten Raum zu geben. Um das SCHMERZ-Erleben zu minimieren, achtet das „Opfer“ dann sehr auf Gunst und Laune des Schädigenden, wie es in Täter-Opfer-Beziehungen typisch ist: hier entartet Vergebungsbereitschaft als Instrument zur Aufrechterhaltung der Unrechtbeziehung!

SCHUTZ UND HEILUNG

Das Problem in diesem Moment ist die normale Reaktion des VERDRÄNGENs des SCHMERZes ins Unbewußte; die wird zur Gewohnheit, und viele Menschen bleiben in diesen Strukturen gefangen bis ins Grab.

Doch zum Glück gibt es auch Menschen, denen die Befreiung aus Unrechtsbeziehungen gelingt, die in Sicherheit ankommen und Heilungsprozesse erleben.

Es ist essentiell wichtig für Geschädigte, den SCHMERZ zu FÜHLEN. Das müssen sie oft ganz neu erlernen. Denn nicht nur Hass und Rachegelüste als Multiplikatoren des SCHMERZes mindern Lebensfreude und -qualität, sondern auch und vor allem der SCHMERZ selbst!

Weiter ist es überaus wichtig, dass Geschädigte lernen, sich zu schützen, damit ihnen nicht weiterhin SCHMERZ zugefügt wird. Das hat nichts mit mangelnder Vergebungsbereitschaft zu tun! In Kriegsgegenden ist das oft unmöglich, aber in Zivilgesellschaften wie unserer gibt es doch einige Möglichkeiten. Denn erst in sicherem Schutz vor neuem SCHMERZ können Heilungsprozesse beginnen.


Ich habe mich von3 Seiten mit diesem Thema beschäftigt:

  1. Eigenes Erleben, eigene Entwicklung

  2. Mit-Erleben anderer, in Gruppen und Therapien, „Täter-“ und „Opfer-“ Seite

  3. theoretisches Studium von Täter-Opfer-Beziehungen

















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