Hebamme

…ist mein Beruf. Aus Berufung. Denn das ist mehr als ein „Job“: nah an der Quelle des Lebens und manchmal ebenso nah an dessen Ende – das ist das Erfüllendste, was es gibt! ...und eine große Verantwortung.

Ich empfinde das Mutter-Sein als eine der großartigsten weiblichen Möglichkeiten und bin auch selbst vierfache Mutter.

Gleichzeitig erlebe ich hier meine Grenzen. Wie viel kann ich z.B. tun für ein Kind, das in Armut hinein geboren wird? Leider meist viel zu wenig. Darunter leide ich. Das muss ich ertragen und kann doch nicht anders, als nachzudenken. Nach Lebens-Weisheit suchen . . .

...und auch für (soziale) Gerechtigkeit einstehen, so gut ich kann. 2008 erlebte ich ein

bei uns in Deutschland geborenes Kind – ohne Geburtsurkunde - - ?!

Die Medien berichten ab und zu von den Folgen der 1-Kind-Politik in China, dass Eltern mehrerer Kinder diese nicht anmelden, um den staatlichen Sanktionen zu entgehen, und dass aus diesem Grund in China Millionen von Menschen leben, die es „offiziell“ gar nicht gibt. Darüber schütteln wir entsetzt und überheblich den Kop: „wie kann man nur...!“

Doch so etwas gibt es auch hier bei uns in Deutschland!

Ich habe viele Jahre als angestellte Hebamme an einer großen Uni-Klinik in BW gearbeitet, und zwar auf der Station „integrierte Wochenpflege“.

Im Jahr 2008 stand mittags kurz nach 12 Uhr eine Frau vor der Stationstür. Trotz Stress' hörte ich mir ihr Anliegen an und notierte: Ihr Kind, vor wenigen Wochen bei uns im Haus geboren, sollte beim Standesamt keine Geburtsurkunde bekommen.

Begründung: die Mutter hätte selbst keine Geburtsurkunde.

Die junge Mutter konnte auch keine besorgen, weil sie aus einer Gegend kam, in der es 1. nicht üblich war, Geburtsurkunden auszustellen, und 2. ist dort aktuell Krieg, so dass sie nicht unversehrt zurück käme, würde sie hin reisen.

Die junge Frau war übrigens seit dem Kindergartenalter in Deutschland, hatte Mittlere Reife mit guten Noten, sprach fließend deutsch; sie war respektvoll und höflich trotz ihrer misslichen Lage.

Sie hatte den Vater des Kindes nach Tradition ihres Volkes geheiratet, konnte ihn aber nicht nach deutschem Recht heiraten – wegen der fehlenden Geburtsurkunde.

Ohne Geburtsurkunde konnte das Kind nicht über seinen Vater krankenversichert werden.

Der Vater hatte deutsche Staatsangehörigkeit, arbeitete und war AOK versichert.

Nachmittags telefonierte ich mit den verantwortlichen Standesbeamten und AOK-Ansprechpartnern, und konfrontierte sie mit dem Problem.

Ich bekam wiederholt zu hören „das geht nicht, das ist vom Gesetzgeber so (nicht) vorgesehen“. Ich antwortete mit dem Argument: „das Kind IST HIER geboren und wird hier aufwachsen: wollen wir etwas, dass ein Kind zwischen uns aufwächst, das weder Geburtsurkunde noch Vorsorgeuntersuchungen noch Behandlung im Krankheitsfall bekommt?“ „Nein, natürlich nicht!“ bekam ich zur Antwort. „Dann muss der Gesetzgeber sich etwas überlegen für solch eine Situation und WIR müssen JETZT dafür sorgen, dass dieses Kind zu seinem Recht kommt“, sagte ich. So und ähnlich leistete ich Überzeugungsarbeit.

Dann stellte ich unkonventionell ein Dokument her, das es so eigentlich nicht gibt. Ich dachte: "Ämter wollen Papier – also kriegen sie Papier!"

Ich nahm eine einfache Anwesenheitsbescheinigung, wie wir sie egwöhnlich den Ehemännern mit geben, damit sie ihre 2 Tage Urlaub bekommen. Doch ich schrieb nicht die Daten der Frau darauf, sondern die des Kindes – alles, was ich im Geburtenbuch und im Computer finden konnte. Dann stempelte ich doppelt: den Uni-Klinik-Stempel und den Stationsstempel und unterschrieb schwungvoll-beeindruckend.

Dies Dokument brachte ich abends nach Dienstschluss zu den Leuten nach Hause. Ich sagte ihnen:

„Nehmen Sie Ihr Kind auf den Arm und gehen Sie mit dem Vater des Kindes zum Standesamt. Nehmen Sie dieses Papier mit und alle anderen Papiere, die Sie haben. Sagen Sie: HIER SIND WIR, und dieses Kind ist hier in der Uni-Klinik geboren, wir möchten eine Geburtsurkunde! Sie werden eine bekommen! Dann gehen Sie in der gleichen Beseitzung mit der Geburtsurkunde und all den anderen Papieren zur AOK, und dann wird das Kind über seinen Vater versichert werden! Wenn es nicht klappt, rufen Sie mich an!“

Ich gab ihnen meine Privatnummer.

Anscheinend hat es geklappt, denn sie haben mich nicht angerufen.

Schön, dass ich hier helfen konnte.

Doch hinterher dachte ich: „wie viele Mütter, die in solch einer Lage sind, haben den Mut und die Hartnäckigkeit, der Geburtsurkunde hinterher zu laufen? Sicher hätten viele längst den Mut verloren, resigniert. Und nur wenige Kolleginnen kümmern sich um derart aussergewöhnliche Anliegen.

Ich fragte mich, ob ich diesen Fall auf 5 oder 10 oder gar 50 hoch rechnen solle? Weiter dachte ich: „es waren durch und durch friedliche Leute, fleißig und sauber und anständig. Wenn man Terroristen züchten möchte, braucht man sie nur weiter so menschenunwürdig zu behandeln!“

Zwar steht für uns Hebammen medizinische und psychologische Aspekte im Vordergrund, wenn wir eine Geburt begleiten, doch auch soziale und sozialpolitische Aspekte müssen wir manchmal mit beachten.


Doch bleiben wir bei der wunderschönen Seite!

Im Mai 2008 veranstaltete die Hebammenkreisversammlung zum ersten Mal die "Tübinger Hebammenaktionstage" in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule. Hier stellten wir unseren wichtigen, wunderbaren Arbeitsbereich umfassend vor: Vorträge, Podiumsdiskussion, Videos, Ausstellungen, eine begehbare Gebärmutter... auch Tombola, Kinderbetreuung und Bewirtung durften nicht fehlen. Ich arbeitete im Planungsteam mit und habe einiges fotografisch dokumentiert:

Hebammenaktionstage Mai 2008

 

Selbstverständlich ist Stillen eins der wichtigsten Themen für mich als Hebamme. Alle meine 4 Kinder habe ich gestillt und zwar so, wie es heute die WHO empfiehlt: ein halbes Jahr voll, insgesamt 2 Jahre, "von der Brust zum Butterbrot". Wenn meine Kinder 6 Monate alt waren, gehört das Stillen als intimes Zusammensein ins Bett (mit seltenen Ausnahmen auf Reisen); "Bett - Bubu", das verstanden sie und zogen mir nirgends in der Öffentlichkeit das T-shirt hoch.

Ich freue mich über meine Tante, eine der heutigen Still-Koryphäen in Deutschland, Utta Reich-Schottky! Seit Jahrzehnten bringt sie die Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen (AFS) voran hat das erste medizinische Lehrbuch übers Stillen geschrieben und inzwischen ein zweites Buch veröffentlicht.

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