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Knäulchen

Ich hatte einen Hamster.
Viel mehr, ich hatte mehrere Hamster, aber DER Hamster war Knäulchen.

Wir waren 9 und 10 Jahre alt, meine Freundin Andrea und ich, als wir alleine im Bus in die Kreissstadt fuhren. Andrea wusste, wo die Zoohandlung zu finden war, und wir kauften Syrische Goldhamster, jede einen, aus dem selben Wurf.

Süsse kleine Hamsterbabies ! Wir waren fürsorgliche "Mütter", versorgten die Kleinen liebevoll und regelmäßig, und die Geschwister durften einander oft besuchen. Wir lasen kleine Büchlein über Haltung und Pflege, richteten die Käfige entpsrechend ein und kauften neben dem Futter auch Knabberstangen. Wir ließen sie frei durchs Zimmer laufen, wobei wir aufpassten, dass sie nicht hinter Schränken verschwanden oder Teppiche anknabberten...

Nach 2-3 Wochen starb Andrea's Hamster. Lag morgens tot im Käfig. War tags zuvor vielleicht ein bisschen schlapp gewesen, nichts von Bedeutung. Wir waren sehr traurig. Überlegten hin und her. Machten uns Vorwürfe. Besprachen, was wir hätten anders, besser machen können.

Und ich beobachtete meinen Hamster... war auch er ein wenig schlapp? Sicher, ja, war er, eindeutig, aber was sollte ich machen?
Tierarzt war noch kein Gedanke; und Erwachsene kümmerten sich nicht um solchen Kinderkram, damals.

Jedenfalls lag auch mein kleiner Syrischer Goldhamster am nächsten Morgen tot in seinem Käfig.

Dann sassen wir doch wieder im Bus, nach einigen Tagen großer Trauer. Gedanken und Gespräche bewegten nur EIN Thema: würde man uns, denen die kleinen Hamster gestorben waren, noch einmal welche anvertrauen? Was soll man sagen in der Zoohandlung, was nicht...

Auf unsere schüchterne Frage bekamen wir die nüchterne Antwort:
manche haben einen Virus, da kann man nichts machen, dann sterben alle aus dem selben Wurf nach soundsoviel Wochen...

Selbstverständlich bekamen wir neue. Wir begriffen: dieser Virus war der Zoohandlung willkommen, sie verdienten daran ! - und empörten uns entsetzlich !

Auf unserer Fürsorge lag nun ein Schatten; so unbefangen-freudig wie die ersten Hamster konnten wir mit diesen nicht mehr sein.
Und tatsächlich, nach der gewissen Zeit starben auch diese.

Wir blieben hartnäckig dran, wurden trotzig - realistisch: "irgend wann muss es ja mal klappen".

Und tatsächlich, der 5. oder 6. oder 7. war es dann - sie überlebten die kritische Zeit!
Sie wurden richtig ausgewachsen und kräftig!

Meiner hieß Knäulchen. Er rollte sich so goldig zusammen, wie zu einem Knäuel.
Nachts ließ ich ihn frei laufen - ich fand, der Käfig reichte nicht für seine Energie, seinen Entdeckerdrang, trotz Laufrad.
Morgens schlief er dann friedlich im Käfig, in seinem Nestchen in seinem Häuschen... so süß...
...naja, irgend wann mal nicht. Ich musste ihn suchen. Der Kleiderschrank war nicht ganz  zu gewesen...  Ein paar Pullover waren ein wenig zerbissen, da schlief er warm und weich im selbst gebauten Nest.

Ein ander mal - der Kleiderschrank war von nun an immer feste zu - da fand ich ihn in zerbissenen Schulheften. Nicht wirklich warm und bequem für ihn, nicht wirklich schlimm für mich.

Im Lauf der Zeit zog Knäulchen es immer häufiger vor, die Sicherheit seines warmen Käfignestchens gegen neue Orte einzutauschen.

Der zerbissene Vorhang, in die Fensterbrettecke gezogen, handelte mir Ärger mit meiner Mutter ein.

Als er sich zwischen Schrank und Wand immer höher gestemmt hatte, war er völlig erschöpft, als ich ihn endlich fand - diesmal zog er erleichtert ab in sein Käfig-Häuschen.

Was ihn nicht daran hinderte, noch weitere Male zu erforschen, was wohl ganz da oben zwischen Schrank und Wand zu entdecken sei.....und ich ihn schalt, weil es gefährlich war und er nie allein zurück nach unten konnte!

Dann war er fort.
Morgens registrierte ich es noch nicht.
Schon oft hatte ich ihn erst mittags nach der Schule wieder gefunden, irgend wo, mal hier, mal da.
Diesen Mittag suchte ich und suchte an allen nur erdenklichen bekannten und unbekannten Stellen.

"DAS kann NICHT sein", sagte ich mir wieder und wieder angesichts des geklappten Fensters. Schon wochenlang war es nachts geklappt gewesen. Ich hatte Knäulchen beobachtet - es hatte ihn nie interessiert, und wenn er mal forschend Richtung Frischluft schnupperte, fand er keinen Halt, um in den Spalt zu klettern, der nach draussen führte...

Draussen - dunkle Nacht, Zimmer hoch oben im 1. Stock...
grausig.
Anscheinden war geschehen, was nicht hatte geschehen können, nicht hätte geschehen dürfen.
Knäulchen musste dort hingelangt sein, musste sich rausgezwängt haben, runtergefallen sein...

Mir wurde verzweifelt schlecht bei dieser Vorstellung.
Wieder und wieder lief ich runter, raus, tief unter mein Fenster: da war ein Rost über dem Kellerfenster, daneben Pflanzen... nichts zu finden...
...ob er auf den Rost aufgeschlagen ist, sich was gebrochen hat... mühsam zwischen die Pflanzen kroch...
Die Nachbarskatze kam vorbei. Ich scheuchte sie weg !

Ich suchte alles durch. Rief seinen Namen: Knäulchen... meine Stimme zitterte.
Ich interviewte alle Familienmitglieder: nein, niemand war in mein Zimmer gekommen, weder nachts noch vormittags, er hat nicht aus der Zimmertür ins Haus laufen können.

Blieb Leere und Verzweiflung, die alle Trauer nach dem Tod der anderen Hamster übetraf:
diese Ungewissheit! Und diesmal WAR ich SCHULD !

Zeit - quälende, lähmende Zeit verging...


Ja, ich kaufte einen neuen Hamster. Tipsy.
Ja, ich nahm Tipsy mit zu Andrea. Wir ließen die Hamster miteinander laufen und spielen.

Aber Knäulchens Schicksal stand im Raum. So traurig.

Tipsy wurde ein Käfighamster, handzahm. Selbst wenn sie durchs Zimmer laufen durfte, soviel sie wollte, zog sie bald wieder ihren Käfig vor.
Sie war nett. Ein Trost.


- Monate waren vergangen, Spätherbst wollte zu Winter werden.
Da rief mich mein Bruder in sein Zimmer.
Auf seiner Hand sass -
ein syrischer Goldhamster.
Kräftig ! Flink, wie du nie einen gesehen hast. Im Blick, im Verstehen, in seinen Bewegungen.

Er hatte ihn fest in der Hand.
Knäulchen ! Es musste Knäulchen sein!
Nein - es konnte nicht Knäulchen sein. So kräftig, so flink!
Doch, es war Knäulchen - eindeutig - wie hatte er sich verändert!

Das Zimmer meines Bruders lag halb im Keller; in der Wand war ein Rohr, das draussen und drinnen blind endete, durch welches Leitungen ins Haus führten. .
"da drin hat's gekratzt, so komisch, hat nicht aufgehört, war irgendwie unheimlich, ich dacht, vielleicht hat sich ne Maus verirrt - ich hab die Hand reingesteckt, da hatt ich den da drin!"

Wisst ihr, wie es sich anfühlt, einen Goldhamster auf der Hand zu haben?
Hauptsächlich fühlt ihr einen weich behaarten Bauch. Daneben die 4 Füße. Ihr fühlt jeden Schritt, den der Hamster auf eurer Hand macht.

Knäulchen hat man kaum gespürt. Bauch - was ist das? So flink waren seine Füße, dass man die einzelnen Schritte nicht unterscheiden konnte !
Wupp - wie ein Blitz - war er weg, wenn man nicht aufpasst !

Ich ließ ihn viel im Käfig, von da an. Es war ihm recht.
Wir unterhielten uns oft: er sass auf meiner Hand, vor meinem Gesicht, und schnupperte mit seinem Schnäuzchen, dass die Schnurrhaare nur so wackelten.
Ich machte die selben feinen Schniefgeräusche wie er, indem ich meinen Mund zur Nase zog, so schnauzenähnlich wie möglich, und "redete" in "seiner Sprache".

Wir vesstanden uns. Wir mochten einander.
Ob er zu mir zurück gekommen ist, absichtlich? Nachdem er genug Freiheit erforscht hat? Und vielleicht mehrfach der Katze entkommen ist?
Hat er sich mit Mäuserichen balgen müssen? Oder sogar Spaß daran gehabt?
Wie hatte er sich ernährt?

Noch viel mehr fragte ich ihn.
Aber, wenn ich auch seine Sprache sprechen konnte - ich konnte sie nicht verstehen.
Leider.

Jedenfalls hat Knäulchen alle überlebt.
Tipsy starb mit knapp 3 Jahren, alt und lebenssatt. Ich war traurig.
Andrea's Hamster starb. Wir waren traurig.

Knäulchen wurde älter und älter. Als er nicht mehr knabbern konnte und seine Nagezähne ihm das Mäulchen zu wuchsen, ging ich mit ihm zum Tierarzt (auch ich war älter und weiser geworden). Der kniff die Zähne vorsichtig ab, mit einer Zange, und nahm kein Geld dafür.

Ich kochte ihm Haferflockenbrei. Er ass ihn.
Er war kommunikativ, weise und freundlich, bis ins ganz hohe Alter, wenn er auch langsamer wurde, müde.
Ich glaube, er ist mir zuliebe länger geblieben.
Das übrige Leben, glaub ich, war ihm nicht mehr viel Wert.

Als er dann doch ging, weinte ich wie nie zuvor.
Sogar vor meinen Geschwistern und Eltern.
Das war nicht üblich bei uns.
Die Brüder waren überfordert.
"Du bist aber richtig traurig", bemühte sich meine Mutter um Einfühlsamkeit.
Da weinte ich in meinem Zimmer weiter.
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