Lebensthemen‎ > ‎Betrug‎ > ‎

Klischees versus Realität

Ich habe die Klischees über Betrugsopfer gesammelt, die den Blick für deren sowieso schon chaotische Lebensrealität vernebeln, und ihnen die Wahrheit  gegenübergestellt.

Für all diese Klischees gilt gleichermassen:

Sie sind ignorant und überheblich, weltfremd und realitätsfern.

So wirken sie auf die Opfer; so sind sie ganz offensichtlich.

So werden sie verbreitet und geglaubt von Menschen, die keine Ahnung haben.

  

Klischee 1:

Ein Betrugsopfer war nicht vorsichtig / nicht misstrauisch genug.

Wahrheit: Das Opfer war ebenso misstrauisch und vorsichtig wie immer, ebenso wie sein Umfeld.

Jeder Mensch entwickelt seine persönliche Mischung von Vertrauen und Misstrauen.

Im Lauf seines Lebens lernt ein Mensch, wem gegenüber er sich vertrauensvoll öffnen, was er misstrauisch hinterfraben, wo und wem gegenüber er sich verschließen muss.

Die Kriterien für seine persönliche Vertrauens-Misstrauens-Mischung entwickelt ein Mensch entsprechend seiner Sozialisation (logisch; muss ich das weiter ausführen?).

Macht er schlechte Erfahrungen, versucht er, draus zu lernen, um sich in Zukunft zu schützen.

In neuen Situationen wägt er neu ab.

Auch aus Erfahrungen von Mitmenschen lernt er dazu – spricht mit Leuten, liest Bücher und Artikel, sieht fern...

Das alles ist normal.

Prägt sich ein extremes Sicherheitsbedürfnis als zwanghafte Kontrollpersönlichkeit aus, gilt das als ungesund; man ermutigt solche Menschen zu einem gewissen „normalen“ Mass an Risikobereitschaft.

Ein Betrüger fühlt sich empathisch in die individuelle Mischung von Vertrauen-Misstrauen hinein; je besser er ist, desto besser gelingt es ihm, in den Bereich des Vertrauens eines Menschen aufgenommen werden, und zwar gleichermassen geschäftlich wie privat – entsprechend der Ebene, auf welcher die Beziehung läuft.

Das Opfer war so vorsichtig und misstrauisch wie immer, wie sein Umfeld; der Betrüger hat alle inneren Alarmanlagen geschickt manipuliert, ausser Funktion gesetzt.

 

Klischee 2:

Ein Betrugsopfer wird von jetzt an vorsichtiger / misstrauischer sein.

Wahrheit:Das stimmt. Doch dadurch kommen sie leider NICHT besser durchs Leben, im Gegenteil!

Der erlebte Betrug hat beim Opfer die FÄHIGKEIT, Menschen und Situationen ANGEMESSEN einschätzen zu können, verdorben oder zerstört.

Übertrieben misstrauisch, werden die sozialen Beziehungen dauerhaft gestört bis zerstört.

Die juristischen / gesellschaftlichen Klischees (zer)stören nun zusätzlich die (guten) Werte, die dieser Mensch bisher hatte.

 

Und DAS ist eine Katastrofe ! Überall schreit man nach „Werten“, beklagt den „Werteverfall“! Hier zerstört man Werte wie Vertrauen, anstatt sie zu retten und zu bewahren!

 

Klischee 3:

Größere Vorsicht / Misstrauen schützt vor Betrug.

Wahrheit: Das stimmt leider nicht. Auch die sehr misstrauischen  Menschen werde Opfern von Betrügern. Viele Betrugsopfer werden zwar vorsichtiger und misstrauischer, doch die Folge davon ist gewöhnlich:

-         Größeres, in den aller meisten Situationen unangemessenes Misstrauen verhindert gute, stabile Beziehungen.

-         Soziales Engagement nimmt ab.

Größere Vorsicht / Misstrauen schützt nicht vor Betrug, zerstört aber jedes menschliche Zusammenleben, von Partnerschaft über geschäftliches Engagement bis zur Spendenbereitschaft für Hungernde . Zu letzterem ist zwar nur ein Teil der Menschen bereit, aber es ist weder Dummheit noch ein Verbrechen.

„Gute“ Betrüger gewinnen sogar leichter das Vertrauen besonders vorsichitiger, extrem misstrauischer Menschen. Diese werden häufig zu Betrugsopfern!

Denn sie haben aufgrund mangelnder sozialer Beziehungen keine gesunden Kriterien mehr;  sie leiden unter der Einsamkeit, in die sie durch ihr extremes Misstrauen geraten sind. Ihre ungesunden, starren Kriterien erkennt der Betrüger schnell und weiß sie „auszuhebeln“:

Der Betrüger erkennt ihre Bedürfnisse und kommt ihnen entgegen. So gelingt ihm, was anderen nicht gelingt: er erwirbt ihr Vertrauen.

Solch ein Opfer wird sich später natürlich keinesfalls „outen“, sondern sich noch weiter zurück ziehen als andere; sie werden niemandem davon erzählen, sich noch extremer zurückziehen und misstrausischer sein als je zuvor.

 

Klischee 4:

Vertrauen ist schlecht, Misstrauen und Kontrolle sind alles

Wahrheit: die richtige Mischung machts.

Je mehr Vertrauen möglich, desto weniger Kontrolle ist nötig.

Kontrolle bindet Energien, die auf Vertrauensbasis besser genutzt werden könnten.

Eine gesunde Alltags-Mischung reicht gegen grobe Verbrechen und dumme Betrugsversuche, niemals jedoch für geniale Betrüger wie „meinen“; eine effektive Kontrolle, die derartige Betrüger routinemässig erfassen würde, bräuchte unmöglich viel Kapazität und würde das Betriebs-, Familien-, Gruppen- u.a. –klima bis zur Unerträglichkeit verschlechtern.

Übrigens heißt es im sozialen Bereich u.ä genau gegenteilig:

Vertrauen ist alles, Kontrolle ist nichts !

Beides stimmt nicht in dieser Absolutheit; beides hat seinen Platz und seine Zeit im normalen Alltagsleben: Eine gesunde Mischung macht’s!

Diese wiederum schützt nicht vor Betrug.

 

Klischee 5:

„Das wäre mir / meiner Frau nicht passiert“

Immer und immer und immer wieder haben wir das gehört aus dem Mund von Juristen / innen, sogar auf dem „Seminar für Opfererleben“.

Wahrheit: Es IST ihnen nicht passiert, obwohl es ihnen HÄTTE passieren können wie jedem anderen auch. Doch WÜRDE es ihnen passieren, würden sie es  womöglich niemandem erzählen. Sie würden ihrem eigenen Klischee glauben und sich schämen, sich vor Scham verstecken, wie fast alle Betrugsopfer.

(Es mag sein, dass Betrüger die Juristen scheuen, ein wenig. Und sich doch lieber an „weniger gefährliche“ Berufsgruppen  halten. Soll man daraus schließen, dass  Menschen aus juristischen Berufsgruppen die einzigen mit Daseinsberechtigung sind? HAHA !)

 

Klischee 6:

„Man verleiht kein Geld“, "man schenkt kein Geld"

Wahrheit: Ohne Geld zu verleihen, läuft nichts... ob geschäftlich oder privat.

Wurde nicht kürzlich ein Nobelpreis verliehen, für das Gewähren von Kleinstkrediten? Warum wohl? Weil es vielen Menschen aus echter Not geholfen hat. Nichts anderes hätte ihnen geholfen: wer nichts hat, kann gar nichts machen. Wer wenig hat, kann mehr daraus machen. – Große Banken gewähren in der westlichen Welt große Kredite.

Jetzt zur Weihnachtszeit wird wieder viel gespendet. Mancher Betrüger hängt sich auch in dieses Spendengeschäft – und doch sind Spendensysteme und Spendenbereitschaft prinzipiell gut und notwendig: nicht jeder kann produzieren und verkaufen..

 

Klischee 7:

„...geringe, strafrechtlich irrelevante Summe“

das sind, „juristischem Denken“ nach, anscheinend sogar 30.000 Euro!

(die eine Juristin verlor – es war ihr gesamter Besitz - den sie nie wieder haben wird)

Wahrheit: Für mich, die ich unterhalb des Sozialhilfesatzes lebe, sind schon 50 Euro Schaden eine Katastrofe. Sie bringen mich um 50 Euro ins Minus, aus dem ich mich nicht mehr herausarbeiten kann. Kommen  Monate später weitere 50 Euro hinzu, die mir gestohlen werden oder die das Auto dringend für eine Reperatur braucht (kein Überarbeiten von Schönheitsfehlern wie Schrammen – es muss NUR  FAHREN !), häuft sich der Schuldenberg an... wie soll ich herunter kommen?!

 

Das Ausmass des Verbrechens und entsprechend die Strafe sollte nicht an absoluten Summen, sondern prozentual am Vermögen (Einkommen,...) des Opfers gemessen werden !

 

Klischee 8:

Beim Geld hört die Freundschaft, die Liebe auf

Wahrheit: da fängt sie erst richtig an

Welcher Jurist – wie jeder andere auch –  führt eine gute Ehe und hat gar Kinder und hält sein Geld für sie zurück?

Wie viele Juristen geben viel Geld aus für gute Anwälte ihrer heranwachsendene Kinder, weil diese „Scheiße gebaut“ haben. Damit helfen sie ihnen aus der Patsche, ohne Garantie auf Erziehungserfolg. Sie lassen ihre Teenager nicht allein, lassen sie nicht ungerührt „in den Jugendknast“ wandern. Sie tun es selbstverständlich, wenn auch unwillig, aus Liebe zu ihren Kindern.

Ich glaube, es ist müssig, noch viel darüber zu schreiben.

Von eigenen Kindern über entferntere Verwandte und Freunde bis hin zum Patenkind einer humanitären Organisation in Übersee – beim Geld fängt die Liebe erst richtig an!

Erst Recht beim geliebten Partner.

Ein  Schwein ist, wer diese Liebe betrügerisch zum Schaden der Liebenden ausnutzt !

 

Klischee 9:

Man betreibt kein Geschäft / besitzt kein Haus zusammen mit einem Partner

Wahrheit: anders ist es häufig garnicht möglich

Ehepaare, Studiengenossen, Geschäftspartner jeglicher Art: viele haben alleine keine Möglichkeit, ein Geschäft „auf die Beine zu stellen“ und „am Laufen zu halten“.

So viel man auch vertraglich fest hält – letztlich ist Vertrauen die Basis und Vertrauensbruch eine Katastrofe.

Vertrauensbruch aus unvorhergesehenen Entwicklungen ist schlimm: da verliebt sich ein Ehepartner, die Ehe geht kaputt, das Geschäft als materielle Grundlage gleich  mit, das gemeinsame Haus ist nicht zu halten – ein schwerer Schicksalsschlag.

Vergleichbar damit ist die schleichende, nicht wahrnehmbare Veränderung eines jahrelangen Geschäftspartners, die zur Pleite führt.

Vielfach schlimmer als solch zufälliger Schicksalsschlag ist jedoch der Vertrauensbruch, bei dem im Nachhinein ersichtlich ist:

Von Anfang an war alles so geplant, wurde gut durchgeführt – und ist gelungen !

Das geschieht beim Betrug.

 

Klischee 10:

„Sie wollten es doch so ! Sie haben ihn sich doch ausgesucht !“

Wahrheit: Niemand will zerstört werden, weder geschäftlich noch privat.

Jede/r  hat sich einen Geschäfts- oder privaten Partner ausgesucht, weil er sich vertrauenswürdig präsentierte und erwies.

Mehr mag ich dazu nicht schreiben.

Nach allem bisher gesagtem ist wohl klar, dass eben dies Klischee eins der verletzendsten überhaupt ist und größte Zerstörung im Opfer anrichtet.

 

Klischee 11:

„selbst dran schuld, wie kann man auch so blöd sein...“

Wahrheit: „selbst dran schuld...“ sagt, wer sich gerne prinzipiell seiner Mit-Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber entzieht.

Viele Menschen tragen an mancherlei Unglück in ihrem Leben eine eigene Mitschuld: Unfallhilfe, medizinische Hilfeleistungen usw könnte man mit diesem Argument einfach bleiben lassen...

...doch eine gewissen Mit-Schuld, meist aus Schwäche oder  Unvermögen, mindert gewöhnlich NICHT den Anspruch auf Hilfe durch die Umgebung.

Warum also beim Betrugsopfer?!

Der Anteil (nicht: die Schuld!) des Betrugsopfer am Geschehen ist keine andere oder größere als bei Autounfällen, Krankheiten usw.

 

Klischee 12:

„Sie hätten es (eher) merken können!“

Wahrheit: das Opfer KONNTE es nicht eher merken, denn

Betrug kommt im Mantel ganz normalen Lebens daher.

GANZ  NORMALEN  LEBENS – Ihres Lebens.

Wie Sie es gewöhnt sind. Sie persönlich, ganz individuell.

Gut versteckt ist die betrügerische Absicht; nicht sichtbar.

In dem Moment, in dem ein wenig davon sichtbar wird, reagiert das Opfer darauf: fragt misstrauisch  nach, kontrolliert – und in diesem Moment ist er weg, der Betrüger ! WEIL das Opfer etwas bemerkte.

Das Opfer hätte nicht eher reagieren können, denn es hat nicht eher etwas gemerkt.

 

 

 

 

Comments