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weitere Opfer von Betrügern

 Ulla  Mieth erzählt:

Mein Name ist Ulla. Heute lebe ich in einer Kleinstadt in NRW.

Anfang 2001 zog ich mich nach einem erfolgreichen, erfüllten Leben aus meiner 30jährigen Selbstständigkeit zurück, verkaufte Geschäft und Eigentumswohnungen, um in Köln in der Nähe meines Sohnes, meinen wohlverdienten Lebensabend anzutreten. Durch meinen unermüdlichen Einsatz im eigenen Geschäft brachte ich es zu Wohlstand und hatte, so glaubte ich damals, für den Rest meines Lebens ausgesorgt. Mein Geld, gewinnbringend angelegt, reichte zur Unterhaltung einer schönen Wohnung, Auto, Motorrad, mehrerer Urlaube im Jahr, kurz, es fehlte mir an nichts.

Am 25. Nov. nahm mein Unglück seinen Anfang. An dem Tag nämlich lernte ich im Lokal meines Sohnes, in dem ich mit Hand anlegte, meinen Betrüger Jürgen B. kennen. Er kam als Gast, ich stufte ihn in die Kategorie „angenehmes Erscheinungsbild“ ein. Er war gepflegt, bescheiden, charismatisch. Er besuchte unser Lokal fast täglich und verzehrte immer ein bis zwei Kakao-Amaretto. Es kam zu unverbindlichen Thekenplaudereien, in denen er einiges aus seinem Leben preis gab:

Als selbstständiger Zahntechnikermeister und Koryphäe in der Implantologie und Epithetik war er nach gescheiterter Ehe von seinen Geschäftspartnern um 200.000,-- DM betrogen, in die Türkei gezogen und hatte sich dort ein Imperium im zahnmedizinischen Bereich, Ärztehaus, Zahnarztpraxis und Labor, mit Angestellten, Wohnhaus in einer Luxusferienanlage usw. , aufgebaut. Von dort aus erfüllte er auch die Verträge, die er mit dem Zahn-Klinikum Köln,Düsseldorf,Aachen unterhielt. In der Heimat weilte er, um einen erlittenen Herzinfarkt auszukurieren. In dieser Zeit half er, mehr oder weniger um seine Zeit auszufüllen, einem befreundeten Zahnarzt, der in Düren eine Praxis unterhielt, bei der Erstellung komplizierter Implantate, gab Fortbildungsseminare für Jungzahntechniker und wohnte teils beim Vater in Eschweiler teils im Dorint-Hotel in Junkersdorf. Er erwägte seinen Aufenthalt in der Heimat auszudehnen, sich evtl. in Köln eine Wohnung zuzulegen und war so u. a. seinem Söhnchen aus erster Ehe näher. Alle lauschten gebannt seinen interessanten Erzählungen. Keiner hegte Zweifel, warum auch? Er war halt ein Gast.

Natürlich gab ich im Laufe der Unterhaltungen auch einiges aus meinem Leben preis. Da er wie ich, begeisterter Motorradfahrer war, planten wir gemeinsame Fahrten ins Bergische Land. Überraschend lud er mich eines Tages zum Essen ein, brachte mich nach einem gelungenen Abend  im Siri-Thai, artig zurück bis vor meine Haustüre. Ich revanchierte mich mit einer Gegeneinladung, alles unverbindlich, das blieb auch so, obwohl wir uns nun des öfteren verabredeten. So erfuhr ich, dass seine ehemaligen betrügerischen Geschäftspartner den Verdacht der Steuerhinterziehung gegen ihn in die Welt gesetzt hatten und er für kurze Zeit in U-Haft war. Um beim Fiskus nicht weiter aufzufallen, legte er sein Vermögen nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz und Türkei gut an. Ganz nebenbei erwähnte er, dass er an einem Geldverleih in großem Stil mit noch größerem Gewinn beteiligt sei. Mit so etwas hatte ich keine Erfahrung und schenkte dem auch keine weitere Beachtung.

Eines Tages fragte mich Jürgen, ob ich Lust hätte, mir mit ihm ein interessantes Wohnobjekt , das er evtl. kaufen wolle, anzusehen. Natürlich, warum nicht. Es handelte sich um eine wunderschöne Eigentumswohnung über zwei Etagen mit Dachgarten, in Köln-Dellbrück. Mit dem Makler vereinbarte er noch einige Verschönerungsarbeiten, holte meine Meinung ein und zeigte sein lebhaftes Interesse. Es galt, noch weitere Wohnungen zu besichtigen, um einen Vergleich anstellen zu können.Ganz nebenbei fragte er, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm hier zu leben. Da ich seine Frage nicht ernst nahm, warum auch, gab ich eine scherzhafte Antwort. Ein paar Tage später machte er mir einen Heiratsantrag. Damit hatte ich nicht gerechnet und auch nicht die Absicht, mich noch einmal fest zu binden. Ich war völlig perplex. Außerdem war ich um einiges älter als Jürgen. Nein, das kam für mich nicht in Frage. Zunächst wollte ich über Weihnachten und Neujahr, insgesamt 8 Tage mit einer Reisegruppe in den Bayrischen Wald fahren. Jürgen buchte nach, er wolle mich nicht verlieren, ja er schenkte mir sogar eine Urlaubsverlängerung von 10 Tagen. Kurz vor Reiseantritt kam er eines Abends total niedergeschlagen ins Lokal. Er tat sehr geheimnisvoll. Dann rückte er damit heraus, dass er im Moment nicht in der Lage sei, seine fällige Einlage in den Geldverleih zu leisten, was für ihn katastrophale Folgen hätte. Seine Partner, ausschließlich Italiener, würden, was Geld angehe, keinen Spaß verstehen. Jeder habe die Pflicht, im Turnus von einem viertel Jahr eine Einlage von 15.000,00 Euro einzubringen, damit das Geschäft florieren könne. Um den Verdacht der Steuerhinterziehung nicht zu bestärken, könne er kein Geld aus der Schweiz oder Türkei nach Deutschland transferieren. Das Gespräch beunruhigte mich, war mir unangenehm, was ich deutlich zum Ausdruck brachte. „Das sind ja fast mafiöse Gepflogenheiten.“ „Womit du den Nagel auf den Kopf getroffen hast,“ gab er zur Antwort. Mafia, das ging gar nicht, damit wollte ich nichts zu tun haben, war entsetzt und voller Panik. Ich war bisher rechtschaffend durchs Leben gegangen, nein, hier hörte jegliches Verständnis auf. Jürgen verließ mich, wie ein geprügelter Hund. Jedoch, er kam wieder und bedrängte mich immer massiver,  ihm für kurze Zeit aus der finanziellen Not zu helfen. Für ihn bestünde Lebensgefahr, unzuverlässige Mitglieder würden liquidiert, „da kennen die keinen Spaß, da machen die kurzen Prozess!“ Aus der unbefangenen Freundschaft, die sich ohne  gegenseitige Verpflichtung entwickelt hatte, wurde urplötzlich für mich eine bedrohliche Größe. Ich fühlte mich  ernsthaft in die Pflicht genommen. Ich beriet mich mit meinem Sohn, mit Freunden, ja ging so weit, meine Anlageberaterin bei der Bank zu befragen. Alle warnten mich, rieten mir von einer Hilfeleistung ab. Plötzlich wurde mir klar, dass ich mehr als nur freundschaftliche Gefühle für diesen Mann empfand, dass ich ihn liebte und entschloss mich gegen alle Warnungen, ihm zu helfen, fühlte mich dabei richtig gut, wie seine Lebensretterin.

Weihnachten feierten wir gemeinsam und zum ersten Mal blieb er über Nacht. Am 2. Feiertag fuhren wir mit der Reisegruppe in den Bayrischen Wald. Nach unserer Rückkehr intensivierte er die Wohnungssuche von meiner Wohnung aus. Er gaukelte einem Ehepaar (über 75 Jahre alt) in Bayern vor, ihr zum Verkauf stehendes Anwesen für 1,2 Mio.€ erwerben zu wollen, gab bei einer ansässigen Schreinerei unter anderem eine Einbauküche in Auftrag und ruinierte diese gutgläubigen Menschen. Für den Umzug in dieses Haus, bewegte er mich, meine Wohnung in Köln zu kündigen.

Zum Übergang war er bei mir eingezogen, mit auffallend wenig Gepäck. Das stand zum Teil in seinem Elternhaus, zum Teil in einer Eigentumswohnung, die er angeblich in Belgien besaß. In Wirklichkeit besaß er nur das, was er am Leib trug, durfte das Haus der Eltern nicht mehr betreten. Der todkranke Vater hatte Jürgen nach einer geplatzten Bürgschaft über 70.000,00 DM enterbt. Ebenso schädigte er seinen ehem. Schwiegervater um 30.000,00 DM, plünderte das Sparbuch der 90jährigen Großmutter um 130.000,00 DM und verschonte keinen aus der Verwandtschaft und dem Bekanntenkreis mit seinen Verbrechen. Mehrfache Haftstrafen wegen Betrügereien, Einmietebetrug in den teuersten Hotels von Sylt über Hamburg, Köln, Bad Neuenahr, München usw.  hatte er schon abgesessen. Der Schaden geht in die Millionenhöhe. Und nun war ich an der Reihe. In die Hände spielte ihm, dass ich nach unserer Rückkehr aus Bayern am 17. Februar 2002 einen Schlaganfall erlitt. Er spielte den besorgten zukünftigen Ehemann, brachte mich, damals war ich noch Privatpatient, ins Krankenhaus, führte alle Gespräche mit den behandelnden Ärzten, zeigte sich umsichtig und fürsorglich. Hilflos ans Krankenbett gefesselt, vertraute ich ihm meine Bankverbindungen an, worauf er sich fürs Erste ungeniert mit 168.000,00 € für seine „Liebesdienste“ von meinen Konten bediente. Zur Rede gestellt, schob er alles auf die Machenschaften der Mafia, die ihn so zur weiteren Mitgliedschaft in ihrer Vereinigung zwangen, ihn angeblich mit der Ausführung riskanter Rauschgiftgeschäfte beauftragten. Seine Versuche, eine große Geldsumme, mit der er sich frei kaufen wollte, aus Türkei oder Schweiz nach Deutschland zu transferieren, wusste die Mafia zu verhindern. Ich erhielt immer wieder bedrohliche Anrufe, Nachrichten von ihnen und geriet, begegnete ich einem südländisch wirkenden Mann sofort in Panik. Meine desolate Gesundheit kam ihm gerade Recht. Alles war inszeniert von Jürgen mit Hilfe ehemaliger Knastbrüder. Unter diesem Druck erklärte ich mich sogar zur Heirat bereit, die in großem Rahmen auf einem Schloss stattfand und auch unbezahlt blieb. Während einem Hotelaufenthalt in Ahrenshoop an der Ostsee, wohin ihn (uns) auch wieder ein angeblicher Mafia-Auftrag führte, setzte sich Jürgen, nachdem meine Konten total abgeräumt waren, mir entstand ein Schaden von ca. 500.000,00 €, ab und begab sich auf weitere Verbrechertour durch ganz Deutschland. Ich bin heute bettelarm, bekomme Grundsicherung, er verbüßt bis August 2011 eine 5jährige Haftstrafe in der JVA Landsberg am Lech.

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