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Prostitution

...ein Beruf wie jeder andere?
Das sehen wir bei TERRE DES FEMMES anders; unsere Position dazu hier:

http://frauenrechte.de/online/index.php?option=com_content&view=article&id=614:positionspapier-zu-prostitution-in-deutschland&catid=195:terre-des-femmes-positionen&Itemid=354

Hier eine hervorragend recherchierte Präsentation einer Kollegin:

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=4&ved=0CEkQFjAD&url=http%3A%2F%2Fwww.bi-gegen-bordell.de%2FP-Heute%2FWas_jeder_wissen_muss.pdf&ei=9wHTUITNDovMtAaS64C4Bg&usg=AFQjCNHYI0V3a553bJc8th9XEiEz1J6UNw&bvm=bv.1355534169,d.Yms

Zum besonders schlimmen Thema "Zwangsprostitution" hat eine Studentin die Fakten erarbeitet - hier sind sie:

http://frauen.wueste-welle.de/?p=1737

Im Februar 2010 lernte ich Ellen Templin kennen, eine Domina bzw., wie sie selbst sagt, "SM-Prostituierte": überaus gebildet, engagiert sie sich sozial für Prostituierte. Sie hat mit mir ein Interview gemacht, das findet man hier:

http://frauen.wueste-welle.de/?p=464

Am 5./6. November 2011 fand in Leipzig ein workshop statt finden mit dem Thema:

"PROSTITUTION - Angebot und Nachfrage - im Spannungsfeld von Markt und Menschenwürde"; der Einladungsflyer ist unten als pdf-Datei zu öffnen.

Ellen Templin war als eine der Vortragenden eingeplant; als sie aus gesundheitlichen Gründen verhindert war, habe ich sie vertreten.

Anfang Oktober 2010 telefonierte ich mit Sabine Constabel, die seit 20 Jahren fürs Stuttgarter Gesundheitsamt im Prostituiertenbereich tätig ist; sie hat tiefe Einblicke ins reale Geschehen und ich habe meine Erkenntnisse, die ich durch sie gewonnen habe, notiert:

Bei Prostituierten sieht sie 3 Phasen:

  1. Anfang: es geht ihnen schlecht; sie entwickeln Überlebensstrategien

  2. Mitte: sie haben Überlebensstrategien entwickelt, manche treten damit selbstbewußt nach aussen auf.

  3. Ende: die Überlebensstrategien greifen nicht mehr, es geht ihnen offensichtlich schlecht: Depressionen, Suchtverhalten, Suizidalität usw...

Prostituierte in Phase 1. und 3. treten nicht nach aussen auf, so verzerrt sich das Bild in der Öffentlichkeit / den Medien!

Die Phasen sind individuell unterschiedlich lang.

Nur wenige leben lange in Phase 2.

20-30 Jahre „unbeschadetes“ Leben als Prostituierte kommen vor, wenn auch selten. Die Überlebensstrategien sind nie gesund; es handelt sich um innere Abspaltungen u.ä. psychische Mechanismen, wie sie aus der Traumaforschung bekannt sind.

Frauen in Phase 2 wollen selbstverständlich nicht als „schwache Opfer“ wahrgenommen werden, da sie sich gerade stark und ihrer Lebensweise gewachsen fühlen. Sie entwickeln und pflegen ein Welt-, Menschen- und Selbstbild, mit dem sie in der Prostitution überleben können.

Vielen in der Kindheit missbrauchte Frauen – Missbrauchsopfer - hat dieser Missbrauch die Richtung für ihre Leben gewiesen: sie gehen in die Prostitution, doch das ändert für nichts zum Guten. Diese haben während der Missbrauchszeit längst o.g. Überlebensstrategien entwickelt. „Unbedarfte“ dagegen, die wegen Armut o.ä. mit der Prostitution anfangen, müssen diese Strategien erst entwickeln und haben es damit schwerer. Doch für beide Gruppen halten diese kranken, krank machenden Strategien nicht „ewig“.

Manche Prostituierte werden später zu Zuhälterinnen (z.B.Hydra). Diese sind oft härter als männliche Zuhälter! Sie sind entscheidend an den Gesetzen von 2002 beteiligt; sie „haben das Gesetz für sich durch gekriegt“: sie wollen Geld verdienen, indem sie die WARE SEX verkaufen, DAS ist ihr Interesse! Sie sind kein Sozialunternehmen! Sie tun so, als seien sie auf der „anderen Seite“ (der Seite der Frauen), sind es aber nicht!

Wenn sie PolitikerInnen raten könnte:

Orientierung am schwedischen Modell / Prostitution verbieten / Freier bestrafen

Die Schweden haben erkannt, dass Prostitution ein Verbrechen ist, UNABHÄNGIG von der Sichtweise des Opfers.

Begründung: Sexualität ist ein Teil der Persönlichkeit; sie kann nicht abgespalten und als Ware verkauft werden. Sexualität soll individuell ausgelebt werden, wie es jeder will – aber immer privat und NICHT gegen Geld!

Die Haltung der Gesellschaft gegenüber Prostitution zeigt den Grad der Zivilisation; es geht um Menschenwürde. Eine Gesellschaft muss sich fragen: wollen wir, dass man bei uns SO mit Menschen umgeht?

Die schwedische Zivilisation ist höher entwickelt als die deutsche / gesamteuropäische; das zeigt sich auch in anderen sozialen Bereichen.

Der Umgang mit Prostituierten seitens Justiz bez. Vergewaltigung usw. ist deutschlandweit sehr unterschiedlich. In Stuttgart z.B. ist im Bereich der Prostitution eine sehr hohe Polizeipräsenz; die Justiz sieht Prostituierte als besonders schutzbedürftig an; entsprechend fallen Gerichtsurteile zu ihren Gunsten aus.

In Sachsen z.B. ist es genau gegenteilig.

Als sie vor ca. 20 Jahren mit ihrer Arbeit begann, hatte sie überwiegend mit deutschen Frauen in der Prostitution zu tun; heute sind deutsche Frauen in der Minderzahl, über 80% kommen aus Osteuropa, viele Roma, auch Lateinamerika usw. In Bulgarien lebt man noch im Mittelalter, ähnlich in Rumänien; entsprechend sind ihre Motivlage, Geschlechterbild und Werte völlig anders als unsere: sie sind an tiefe Armut gewohnt und an patriarchale Verhältnisse voller Gewalt – das ist für sie „normal“. Ärzten fällt auf, dass sie überhaupt kein Gefühl für ihren Körper haben, selbst bei schweren Erkrankungen; sie duschen kaum. Zum Vergleich: Deutsche Prostitutierte haben häufig einen Waschzwang. Sie verdienen nicht mehr viel Geld: eine Kassiererin im Supermarkt hat heutzutage das gleiche Geld in der gleichen Arbeitszeit, da Prostituierte ja hohe Ausgaben haben.

Sie kommen alle über Menschenhandel.

Inzwischen ist die „Überschwemmung“ mit osteuropäischen Mädchen offensichtlich und dass sie Sklavinnen / Leibeigene ihrer ZuhälterInnen sind.

Je besser ihre Sprachkenntnisse werden, je besser sie sich in Deutschland orientieren – auch bezüglich sozialer Angebote – desto leichter trennen sie sich von ZuhälterInnen und arbeiten „für sich“ in der Prostitution. Sie – Frau Constabel und ihre MitarbeiterInnen – können auch mancher Frau aus der Prostitution heraus helfen, doch an ihrem leer gewordenen Platz sind sofort 10 „neue“ junge Frauen von den Wartelisten.

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Hedwig v. Knorre,
21.10.2010, 09:53
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